BLONDIE - Pollinator

Single: "Fun" 03.02.2017
Album "Pollinator" 05.05.2017


Punk-Rock? Disco? Rap? Pop? BLONDIE war nie konkret einzuordnen.

Die Band entsagte sich seit jeher gängigem Schubladendenken. Zum einen, weil sie Musik im vielfältig verstand. Zum anderen aber auch, weil Debbie Harry und Chris Stein, eins der außergewöhnlichsten musikalischen Paare überhaupt, vielseitig interessierte Köpfe sind. Spricht man mit ihnen, kommen sie irgendwann sicher auf die schleichende Gentrifizierung ihrer ewigen Wirkungsstätte New York City zu sprechen. BLONDIE wurde während der Zeit des Stadtverfalls in den 1970er-Jahren gegründet. Damals überlebten nur die Stärksten auf den Straßen mit erhöhten Kriminalitätsraten und sozialen Unruhen die Mühen, in einer Band zu spielen, ein künstlerisches Ventil zu finden und eine Szene anzuzetteln. Inzwischen sind diese 70’s-Straßen von New York während des Ausschlachtens von Retrospektiven der Punk-, New Wave-, Disco- und HipHop-Szenen, deren Wurzeln in jener Ära liegen, längst glamourisiert worden. Es ließ sich damals nicht einfach leben in New York. Die Herausforderungen, die von der Stadt damals gefordert wurden, waren einfach anders.

 
BLONDIE gehörten zu den Stärksten. Die Band überlebte den bahnbrechenden Moment, der sie gebar. Und sie arrangierte sich mit den Veränderungen der Zeit, ihrer Umwelt und der Industrie ebenso, wie sich das Gesicht von New York mit der Zeit immer wieder verändert hat. Und genau so wie New York immer sich selbst treu geblieben ist, blieb auch die Band unbestritten immer BLONDIE. Selbstzufriedenheit war nie ihr Ding. Ihrem unaufhörlichen Drang, die Flagge der genreübergreifenden Rockmusik hochzuhalten, wird die Band nie müde, ihren Punk trugen sie nie zu Grabe. In ihrem Sound hallte die Subkultur immer über dem Mainstream. Debbie Harry besitzt auch heute noch eine Aura und Haltung, die schlicht zu groß ist für Underground-Clubs. Die Vision ihres Kollegen Chris Stein war ihrer Zeit immer so weit voraus, dass der Rest der Welt immer noch damit beschäftigt scheint, sie einzuholen. Geht man heute in einen Club, hört man sicher ein „Call Me“ oder ein „Heart Of Glass“. Redet man mit einem HipHop-Historiker, erfährt man, dass Debbie Harry ein ursprünglicher Beastie Boy war und Rap-Musik den Massen schon näherbrachte, als Rap noch vornehmlich eine Sache von Block Partys war. Liest man ein Buch über die Geschichte des Punks, wird man feststellen, wie intensiv BLONDIE mit dem Stoff des Genres verwoben ist, das immer noch die meisten Bandgründungen verursacht oder Musiker animiert, einen Proberaum zu suchen. 40 Millionen verkaufte Alben und zahllose Awards später (Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame 2006, NME Godlike Genius Award 2014), ist BLONDIEs Präsenz immer noch so intensiv, dass sich niemand wagt, aus ihrer Kunst Nutzen zu ziehen.

 
Genau das fordert ihr elftes Studioalbum POLLINATOR ein, das zwei Jahre in der Mache war. In wahrhaftiger Pop-Art Tradition, verkörpert es ein postmodernes Konzept. Gleichzeitig legt es die Feierlichkeiten zum 40-jährigen BLONDIE-Jubiläum 2014 ad acta, denen das letzte Studioalbum „Ghosts Of Download“ folgte. POLLINATOR ist ein gigantischer Resonanzkörper. Einer, den BLONDIE geschaffen haben und von dem sich jüngere Musiker-Kollegen inspirieren ließen. Im Zusammenschluss entstand das Album, auf dem etwas gänzlich Neues geschaffen wurde – durchzogen von den Spuren, die BLONDIE mit ihrem eigenen Sound hinterließen.


Als es darum ging, dass Chris, Debbie und Drummer Clem Burke die Band wieder zusammenriefen, um das neue Album aufzunehmen, wurden handverlesene Musik-Pioniere kontaktiert, die in den Dekaden seit der Gründung von BLONDIE ihrerseits für Aufsehen gesorgt hatten und BLONDIE zu ihren Einflüssen gezählt hatten. Die Band forderte sie auf, Songs zum Album beizusteuern, um ihre ganz individuellen Eigenheiten in die anhaltende Geschichte der Band einzuweben – in eine Band, die den genetischen Aufbau jüngerer Musiker-Generationen in direkter Weise mitgeformt hat. Die Liste der Gäste weist beneidenswerte Qualität auf und reflektiert die Dynamik von BLONDIEs eigenen genreübergreifenden Einflüssen in der Vergangenheit: Johnny Marr, Sia, Dev Hynes, Charli XCX, Dave Sitek (TV On The Radio), Nick Valensi (The Strokes) und The Gregory Brothers steuerten musikalische Kreationen bei, die von BLONDIE neu interpretiert werden. Jeder einzelne Song baut damit in bemerkenswerter Weise auf den musikalischen Hinterlassenschaften von BLONDIE auf.

 
„Hallo, hier sind wir!“, sagt Debbie Harry übers Telefon aus New York. Sogar ihre Sprechstimme stammt aus einer anderen Dimension. Sie klingt gleichzeitig warm und unheimlich, als ob sie aus einem Schwarzweiß-Film stammen würde. Irgendwie bleibt sie aber auch ungewohnt verschwommen. Wie ein Stern aus einer anderen Galaxie. Die Aussicht auf das Komponieren neuer Musik brach das Eis als Chris in den 90er-Jahren anrief, um die Band wieder zusammen zu bringen. „Es ist ein wesentlicher Motor für uns, dass wir uns als Band Richtung Zukunft bewegen und weiterentwickeln. Keiner von uns will in einer Oldies-Band spielen. Wir haben unsere musikalische Neugierde behalten, die uns immer wieder Neues ausprobieren über Themen schreiben lässt, die uns in der heutigen Welt interessieren. Das ist unsere kontinuierliche Verpflichtung. Ich notiere mir ständig kleine, neue Ideen“, erzählt Debbie.

 
Ihrem Produzenten John Congleton ist es geschuldet, dass ihre taffe 70’s-New York-„Parallel Lines“-Haltung wieder zum Vorschein kam. Congleton bezeichnet sich selbst als langjährigen Fan der Band: „Blondie war eine Radio-Band als ich aufwuchs. Eine Band, die viele Leute respektierten. Sie war allgegenwärtig“. Die erste Kontaktaufnahme verlief mit knappen Sätzen. „Ihr Manager schickte mir eine Mail, die acht Worte enthielt: Währest Du daran interessiert mit Blondie zu arbeiten? Ich schrieb nur kurz zurück: Klar! Es bedurfte keiner langen Antwort. Schließlich traf der Grammy-dekorierte Produzent, der mit Franz Ferdinand, St Vincent und dem Unkown Mortal Orchestra gearbeitet hatte, Chris und Debbie im Sommer 2015 zum Frühstück. „Wir hingen eine Stunde zusammen ab, redeten über Musik und darüber, an welchem Punkt sich die beiden als Menschen befanden. Sie erzählten, wie ein BLONDIE-Album heute klingen sollte. Wir waren dabei sofort auf der selben Wellenlänge.“ Chris Stein stimmt ihm zu: „Wir verstanden uns auf Anhieb bestens. John ist ein kluger, talentierter Produzent.“

 
Zu Debbie, Chris, Clem und John gesellten sich die jüngeren Band-Zugänge Leigh Foxx, Gitarrist Tommy Kessler und Keyboarder Matt Katz-Bohen im legendären Magic Shop-Studio in SoHo, um Weihnachten 2015 herum. Im Frühjahr 2016 ging die Arbeit für zwei Wochen weiter. „Ich hatte einen durchdachteren Plan als die Band“, erinnert sich John. „Ihre Absichten waren indes die besseren. Sie können sich gegenseitig immer noch gut riechen, sie machen gerne Musik zusammen und wollen zusammen Spaß haben. Letztendlich muss BLONDIE niemandem etwas beweisen. Mein Plan war viel dogmatischer. Ich wollte keine Persiflage eines Lifestyle-Albums aufnehmen, oder eine moderne Popplatte, die so klingen sollte, als ob BLONDIE von dem beeinflusst worden wäre, was heute hip ist.  Es ging mir darum, Debbie singen und klingen zu lassen wie eine Frau, die gereift ist. Ich wollte wissen, wie BLONDIE in ihrem Alter klingt.“


Leider war BLONDIE die letzte Band, die im Magic Shop aufnahm, direkt nachdem David Bowie sein finales Album „Black Star“ dort fertiggestellt hatte. Die überzogene Miete für den kompletten Straßenzug stieg noch mal derart an, dass sie Löcher in die Finanzen des Studiobetreibers brannte – eine tragisch-allgegenwärtige Geschichte. Die Band stellte sicher, dass das Studio nicht ohne Erinnerung verschwand. Eine derart vitale Live-Band zu hören, revitalisiert unmittelbar den Körper. BLONDIE rockt mit mehr Energie als etliche der eifrigsten Emporkömmlinge New Yorks. Congleton wollte die Overdubs und das ausgiebige Nutzen von Sequenzern ad acta legen, die die Aufnahmen der Band in der jüngeren Vergangenheit geprägt hatte. „Ich ließ sie einfach wie eine Band in einem Raum klingen. Wenn die Platte so klingt, als ob die Post abging im Studio, steckt Absicht dahinter.“ Chris Stine war von den Aufnahmen geflasht, wie er sagt: „Es war wirklich cool, unsere Band wieder wie eine Live-Band klingen zu lassen. Aber es war traurig, dass das Studio dichtmachen musste“. BLONDIE nahm das Album in kurzer Zeit auf, „um den Band-Vibe beizubehalten“, wie Stein weiter ausführt.

 
„Doom Or Destiny“, das erste Stück, dem Joan Jett auf Guest Vocals ihre Stimme verleiht, stellt klirrend unter Beweis, dass BLONDIE 2017 nahtlos an den glühenden „Hanging On The Telephone“-Geist anknüpfen kann. Der R&B-Scenester Dev Hynes schrieb „Long Time“, das unmittelbar an den Disco-Hit „Heart Of Glass“ erinnert und „während des Rasens Richtung Bowery“ die Frage aufwirft, ob das Leben so ist, wie man es sich erhofft hatte. „Dev ist ein großartig-eleganter Typ“, sagt Debbie, während sie sich an ihr erstes Zusammentreffen mit Hynes auf Tour vor ein paar Jahren erinnert. Die Band suchte Sia für den Track „Best Day Ever“ aus. „Ich bin ein Riesenfan von ihr, sie ist enorm produktiv“, schwärmt Debbie. Der Song ist eine Kollaboration mit Nick Valensi und weist beide als „Denise“-Fan aus, während der Text bittersüße Erinnerungen umkehrt. Weiter geht’s mit „Fun“, einer Kreation von Dave Sitek. Der Song streckt seine Fühler Richtung Studio 54 aus. BLONDIE ließen sich nie von so etwas wie dem Alter abhalten, wenn es darum ging, eine Party zu entfachen. „Gravity“ ist die Charli XCX-Nummer. Sie verbindet Charli und Debbie in ihrer gemeinsamen Pop-Punk-Unverfrorenheit („I’m drinking Cheery Cola... You’re nicer when you’re sober“, singt Debbie). „Es ist verblüffend wie jung und talentiert Carli ist“, sagt Debbie. „Es ist, als ob sie bislang zwei oder drei Leben lebte. Mindestens!“. Debbie beschreibt die Arbeit mit ihren vielen, jungen Kollaborateuren als „Schließung des Kreises. In deren Material steckt ein Teil von uns. Es ist wie... ein Recycling-Jubelfest. Haha“.

 
Zusammengefasst spiegelt das Album den Standpunkt einer großen, bedeutenden Frau im fortgeschrittenen Alter, die mit ihrem nach wie vor coolen Haltung Altersdiskriminierung und Sexismus beim Schopfe packt. „Texte sind immer Sache der Beobachtungen oder des vorübergehenden Wahnsinns oder so“, sagt Debbie. Sie klingt dabei wie ein Idol für Lana Del Ray. „Texte sind schlicht das Leben, das wir leben. Oder das Zusammensein mit anderen Leuten. Musik hören, einen Film im Kino sehen – alles wird aus diesem Mischmasch aus Gedanken geboren und sucht sich ein Ventil.“ Chris ist organisierter und widmet bestimmte Zeitabschnitte der Musik – neben seiner Fotografie. Sein einzigartiger Gitarren-Style und seine Arrangements lassen Debbies Gedankenspiele atmen. Ihre gemeinsame Dynamik ist seit jeher gleichgeblieben: Chris ist der bissig-gedehnt artikulierte Verstand, der Debbies gradliniges Tacheles reden ergänzt. Spricht man mit beiden über die Zukunft von Musikvideos, merkt Debbie an: „Glaubst du, dass sie wirklich so wichtig sind?“. Merkt man an, dass „Lemonade“ von Beyonce das Format wiedererfunden hat, stimmt Chris mit trockener Ironie zu: „Klar, der steht ja auch mehr Geld zur Verfügung als uns...!“.

 
BLONDIE haben ihre Wörter im Gespräch tatsächlich nie feingehobelt, um jedermanns Liebling sein zu können. Im derzeitigen gesellschaftlichen Klima ist es eine Wohltat, dass mit ihnen eine Band zurückgekehrt ist, die Haltung zeigt. „Ich bin ständig bei Facebook und lege mich mit Leuten über aktuelle Geschehnisse an“, sagt Chris über die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. „Wir waren immer politische Menschen, wenngleich auch nicht offenkundig“, fügt Debbie ein. „Die Leute wissen sehr wohl wer wir sind und für was wir stehen. Ich finde, dass sich von meinen persönlichen Ansichten keiner vor den Kopf gestoßen fühlen muss. Wir stellen sie in einer Weise dar, die Gedanken oder Gefühle anreget.“ Chris kann sich sein Lachen nicht verkneifen. „Ich versuche höflich zu sein. Mir sagten ohnehin nur zwei US-Präsidenten zu: Obama und John F. Kennedy. Der Rest war ein jämmerlicher Haufen Versager.“

 
Parallel zur Veröffentlichung des neuen Albums, werden BLONDIE Anfang 2017 in Australien auf gemeinsame Tour mit Cyndi Lauper gehen. Chris und Debbie waren außerdem mit ihrem alten Kumpel Nile Rodgers im Studio, einem weiteren alterstrotzenden Impulsgeber. Der dabei wieder mit Dev Haynes entstandene Track „Magic“, hat seine Bestimmung noch nicht ganz gefunden. Das Kontinuum bleibt kontinuierlich, sozusagen. Kontinuität spielte auch in der Entstehung von POLLINATOR eine enorme Rolle. Vor allem für den 39-jährigen Punk-Produzenten Congleton. „Ich nahm mit zwei der Figuren, die den Punk Rock erfanden, eine Platte auf. Wenn es den Punk Rock nicht gegeben hätte, würde ich heute keine Alben produzieren. Und ich würde ganz sicher keine Platte mit Debbie und Chris aufnehmen. Ich habe keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, hätte es den Punk Rock nicht gegeben.“ BLONDIE selbst wüssten nicht, was anderenfalls aus ihnen geworden wäre. Aber das wäre auch Spekulation, müßig darüber nachzudenken. Denn die Band-Mitglieder selbst nehmen sich nicht furchtbar ernst. 


„Ruhm und Selbstgefälligkeit sind grotesk und von Selbstverleugnung geprägt. Es gehört eine Besessenheit oder komplettes Verrücktsein dazu, ein Künstler zu sein. Es ist wie ein Traum, der Realität wird“, sagt Debbie. „Man muss sich eines großen Egos bedienen können, einem Antrieb, Dickköpfigkeit, einer Kraft, die einen antreibt und etwas von einem abverlangt.  Man kommt an einen Punkt, an dem man sich entscheiden muss, ob man nach links, nach rechts oder geradeaus geht. Und man stellt sich der Entscheidung, obwohl man meistens keine Zeit dazu hat, sie zu treffen. Man trifft sie einfach, sie ist dem Instinkt geschuldet. Ich bin nicht immer vollkommen davon überzeugt, was ich tue und wer ich bin. Aber wagt sich jemand, mich in Abrede zu stellen, werde ich zur Rächerin und trete ihm in den Arsch.“

 
Willkommen zurück im Kampfring, BLONDIE!
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