THE PRETENDERS - ALONE

Album: "Alone" 21.10.2016
“Es tut gut, die Pretenders wieder zu hören“
Diese wenigen Worte kündigen die unvorhergesehene Rückkehr eines der größten Acts des Planeten an.
 
Die Kurzfassung: Chrissie Hynde arbeitet mit Dan Auerbach (The Black Keys) am Nachfolger ihres 2014 erschienen Soloalbums „Stockholm“ in dessen Studio in Nashville. Es trägt den Arbeitstitel „Chrissie Hynde Practices Her Autograph“. Bald wird jedoch allen Beteiligten klar, dass die treibenden Arrangements, zackigen Gitarren und sanften Texte fantastisch vertraut klingen – gesungen von der unverwechselbaren Stimme einer ganzen Generation. Das kann nur eins bedeuten: The Pretenders sind zurück!
Es ist kein geplantes Comeback, eher ein glücklicher Zufall. Die Sängerin erzählt achselzuckend: „Solche Dinge passieren. Es ist nur ein Name.“ Sie reformiert ihre Band und beschließt, das Album umzubenennen. Mit ihrer ganz eigenen charakteristischen Perversität nennt sie es fortan „Alone“ – und 36 Jahre nach ihrem Debüt könnte es die ältere, weisere, bösere Schwester des außergewöhnlichen ersten Albums sein. 
 
„Diese Platte ist absoluter Krawall.“, freut sich die inzwischen 65-järhige. „Ich bin selbst hin und weg! Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben, aber es ist purer Rock’n’Roll. Richtige Musiker spielen richtige Musik.“
„Wir“ sind Johnny Cashs früherer Bassist Dave Rose, Gitarrist und Country Rocker Kenny Vaughan und allerlei Mitglieder von Auerbachs Nebenprojekt The Arcs: Richard Swift (Schlagzeug), Leon Michels (Keyboards) und Russ Pahl (Pedal-Steel-Gitarre). Auerbach selbst fungiert als Produzent und Multiinstrumentalist. Gemischt wurde „Alone“ von Tchad Blake. „Ich liebe seinen Vibe. Er lässt cooles Zeug noch besser klingen.“ lächelt sie und vermeidet absichtlich allzu technische Begriffe.
 
Chrissie Hynde ist trotz ihres Alters noch immer eine Punkrockerin – und eine begnadete Geschichtenerzählerin.  Wer ihre 2015 erschienene Autobiographie „Reckless“ nicht gelesen haben oder zart besaitet sein sollte, sei vorab gewarnt: sie singt wie ein Engel, flucht jedoch wie der Teufel.
 
„Vier Wochen bevor wir ins Studio gehen wollten, rief ich Dan an und sagte ‚Ich habe Dir erst acht Songs geschickt. Das ist zu wenig für ein ganzes Album. Was sollen wir jetzt tun?‘ Ich bekam Panik, doch er antwortete nur: ‚Das ist meine geringste Sorge. Alles wird gut.‘ Als ich ins Studio kam, litt ich unter einer Infektion und konnte kaum sprechen. Als die Hälfte der Zeit vergangen war, blaffte ich Dan an ‚Verdammte Scheiße, ich kann nicht singen. Ich habe verdammt noch mal keine Stimme. Was sollen wir jetzt tun?‘ Und wieder antwortete er: ‚Das ist meine geringste Sorge. Wir nehmen Deinen Gesang einfach in den letzten zwei Tagen auf. Dadurch wird es einheitlicher klingen.‘ In diesem Moment dachte ich mir: ‚Wow, ich stehe auf diesen Typ!‘“

Und so nahm Chrissie Hynde ihre Songs innerhalb von nur 48 Stunden auf. „Ich brauchte nur zwei Tage, um das Album einzusingen, aber über 40 Jahre, um es vorzubereiten. Diese Zeit habe ich gut investiert und die Songs sind sehr speziell. Der Titeltrack beispielsweise feiert die Freuden der Einsamkeit.“
 
„Wir hingen im Studio herum“, erzählt Hynde, während ihre dunklen Augen unter ihrem blonden Pony hervorblitzen. „Die Jungs redeten über ihre Familien und Frauen und ich sagte: „Ich mache alles alleine. Ich gehe alleine ins Kino. Ich gehe alleine ins Restaurant. Ich lebe alleine. Es stört mich nicht.“ Daraufhin empfahl Dan ihr, einen Song darüber zu schreiben.
 
„Ich habe bestimmt über 1000 Lieder in meinem Leben gehört, die alle davon handeln: ‚Ich bin so müde, dauernd alleine zu sein‘, Ohne Dich kann ich nicht leben‘, ‚Seit Du mich verlassen hast, geht die Welt zugrunde‘, ‚wann sehe ich Dich wieder‘, ‚heirate mich und bleib den Rest meines Lebens bei mir‘, Die Sonne scheint nicht mehr, seit Du mich verlassen hast‘. Bislang kann ich mich an kein einziges Stück erinnern, in dem sich jemand darüber freut, alleine zu sein. Die Menschen denken, dass jeder ständig nach einem Partner sucht. Dabei sind viele Leute einfach nur glücklich, wenn sie mit ihrem eigenen Leben klarkommen.
 
Also kehrte ich zurück auf mein Zimmer und schrieb, die Band komponierte währenddessen die Musik. An meinem letzten Tag im Studio hatte ich noch 20 Minuten, bis ein Taxi mich abholen sollte. Dan fragte ‚Willst Du dieses Stück noch einsingen?‘ und ich antwortete ‚Ja, lass uns loslegen.‘ Schließlich klingelte es und ich sagte, ‚Ok, ich muss gehen, mein Taxi ist da, das war‘s.‘ Ich ging alleine fort - und davon handelt der Song ‚Alone‘.“ Mit seiner einzigartigen und köstlich trotzigen Art bleibt er auch sofort im Gedächtnis hängen. 

Auf „I Hate Myself“ verarbeitet sie alte, aufgerissene Wunden. „Jeder Mensch sagt irgendwann einmal zu sich selbst ‚Ich hasse mich und mein Leben‘. Egal, ob es Dein Alkoholismus, Deine Drogensucht ist oder, weil Du nicht aufhören kannst zu rauchen, es nicht schaffst, abzunehmen oder einfach nur ein Arschloch bist. Es gibt hunderte Gründe. Vielleicht hast Du einfach nur keinen Parkschein gelöst und ein Ticket kassiert. Oder Du verprasst Dein Geld in William Hill, Deine Frau verlässt Dich und Du verlierst Dein Haus. Mit einigen Dingen kann ich mich sogar selbst identifizieren.“
 
„The Man You Are“ ist scheinbar ein einfaches Liebeslied, drückt jedoch ihre deutliche Abneigung für Geldgier aus. „Reichtum törnt mich ab.“, blickt Hynde düster drein. „Lieber habe ich täglich einen Penner auf der Parkbank um mich als einen Typ im Lamborghini. Dann fragen Dich die Leute auch nicht, was Du mit diesem senilen Milliardär willst.“
 
Doch es zieht sich auch eine Art romantischer Resignation wie ein roter Faden durch das Album, besonders in Balladen wie dem schwermütigen „Blue Eyed Sky (In My Song For A Surfer Boy)“ und dem schmerzlichen „One More Day“. Sogar das sanft-summende „Roadie Man“, eine Lobesyhmne auf all die fleißigen Tourorganisatoren windet sich in Sehnsucht. „‘Roadie Man‘ trage ich seit 25 Jahren mit mir herum.“, erklärt Hynde. „Elvis Costello sagte einst zu mir, ich müsse diesen Song veröffentlichen, so lange gibt es ihn schon. Ich nennen ihn auch ‚The Christmas Song‘.“
 
Hyndes berühmt bittere Seite zeigt sich auf dem pochenden, ungeduldigen „Gotta Wait“ und auf „Chord Lord“. Niemand beherrscht die Kunst der Demütigung so gut wie sie. „Es geht um sexuelle Eifersucht. Wenn Du z. B. mit jemandem unterwegs bist und merkst, dass seine Augen ständig bei einer anderen Person sind.“
 
Bislang vermied Hynde es, mit Co-Schreibern zu arbeiten, bis niemand geringerer als Bob Dylan sie dazu ermunterte. „Als ich ihn vor 35 Jahren zum ersten Mal traf, fragte er mich, ob wir nicht ein paar Melodien zusammen komponieren wollten Ich war so schockiert ihn zu treffen, dass ich nicht mal sprechen konnte. Ich stammelte nur, dass ich nie zuvor mit jemand zusammen geschrieben hatte und lehnte ab. Das ging nicht in meinen Kopf, ich war einfach zu sehr Fan.“ Und so arbeitete sie erstmals mit den zeitgenössischen Hitmakern Amanda Ghost und Dave McCracken zusammen – das Ergebnis ist das verführerische „Let’s Get Lost“.
 
Auf Hyndes erstem Soloalbum „Stockholm“ ist beim erdbebenartigen „Down The Way“ Neil Young als Gastmusiker zu hören. Das schien nicht mehr zu toppen zu sein – bis Duane Eddy auftauchte. „Ich wachte mitten in der Nacht auf und griff nach meinem Handy, um zu sehen, wie spät es war. Im Zuge dessen las ich dann um drei Uhr morgens Dans Nachricht, dass er mit Eddy im Studio sei und mit ihm „Never Be Together“ aufnahm. Mein erster Gedanke war ‚Heilige Scheiße, da mag mich aber jemand!‘
Du musst nur einen einzigen Ton hören um zu wissen, wer an der Gitarre steht. Er beherrscht sie brillant. Schon als ich klein war, hörte ich viel Radio und wusste schon damals instinktiv, was gut klang.“ 

„Death Is Not Enough“ ist das letzte Stück des Albums und wurde von Hyndes langjährigem Freund Marek Rymaszewski geschrieben. Es ist ein absoluter Showstopper. „Marek veröffentlichte selbst ein Album namens „The Despicable Mischief of Marek Rymaszewski’ und schickte es  mir zu. Dieser Song hat mich sofort gepackt. Ich nahm ein Demo meiner eigenen Version davon auf, ohne ihm etwas zu sagen, und schickte es an Dan. Er sagte, das sei ein absoluter Klassiker. Und er hatte recht!“

Hynde beschäftigt sich auf ihrem neuen Werk sehr viel mit dem Tod. „Auf „Alone“ spreche ich auf dem Friedhof mit einer Person, die bereits tot ist. Das Album endet mit „Death Is Not Enough“ – was für mich so klingt als würdest Du mit jemandem reden, der schon im Sarg liegt.“
Sie fügt hinzu, dass 2016 das Jahr des Sensenmannes für die Musikindustrie war. „Ich nenne es ‚Sweet 16‘. Innerhalb von zwei Monaten waren alle tot.“ Traurig denkt sie an ihren guten Freund und Wegbereiter Lemmy Kilmister und auch an David Bowie, der einst im Auto ihrer Mutter mitfahren durfte.
Ob sie jemals Angst davor hat, dass ihre Vergangenheit als Rockstar sie genauso einholt wie ihre Freunde? „Und wenn schon, dann passiert es eben. Ich bin bereit dafür!“ kontert sie trotzig.

Seit Jahresbeginn nahm Chrissie Hynde nicht nur magische Musik auf und grinste ihrem eigenen Tod ins Gesicht, sondern „malte sich auch den Arsch ab“.
Ihre Leidenschaft für Pinsel und Farbe verriet bereits „Adding The Blue“ auf ihrem ersten Soloalbum „Stockholm“. Doch „Alone“ wirkt mit seinen freihändig gezeichneten Texten und der schmutzigen Schönheit ihrer Stimme wie ein komplettes Gemälde. „Ich bin ein Beobachter und Orchestrierer. Wir sind alle von so vielen Dingen umgeben, man muss sie sich einfach nur greifen.“
 
Fieberhaft scrollt sie durch hunderte Bilder auf ihrem Smartphone. Sie zeigen Blumen, Bambus, einen Stuhl, diverse fiktive Männer und einige reale Frauen: die Harry Potter Produzentin Tanya Seghatchian, PETA-Gründerin Ingrid Newkirk und ein Selbstportrait mit wilden Augen. „Eigentlich wollte ich danach nie wieder ein Bild von mir malen, tat es dann aber tausendfach. Ich bin eben eine kleine Heuchlerin.“, zwinkert sie. 

In ihren Arbeiten und auch in sich selbst nähert sich Chrissie Hynde vorsichtig dem eigenen Glück. Sie geht ihren Weg alleine und mag es so. „Wie Elvis schon sagte: ‚Wenn Du keinen Partner findest, benutze einen Holzstuhl.‘“
Ebenso wie ihr enger Freund und Verbündeter Morrissey glaub sie, dass es ein Privileg sei, alleine zu sein, denn das bedeute nicht automatisch „einsam“.
„Das ist ein sehr schmaler Grat.“, warnt sie dennoch. „Morrissey und ich verbrachten die meiste Zeit unseres Lebens alleine. Ich weiß, dass er es verdammt noch mal hasst, so wie ich auch. Wir wollen nicht alleine sein. Andererseits ermöglicht es uns einige Freiheiten, die wir uns ansonsten nicht leisten könnten. Dennoch ist Einsamkeit eine Epidemie unserer Gesellschaft.“
 
Hyndes ruhelose Piratenseele gesteht, dass sie nur zu gerne mit The Pretenders auf Tour gehen würde. „Ich liebe es auf Tour zu sein. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht lieber in meinem eigenen Bett schlafen möchte. Dann antworte ich immer ‚Das ist der letzte Ort, an dem ich sein will.‘ Sobald ich am Venue ankomme und die Traversen, Rigger und Techniker sehe, fühle ich mich zuhause.“
 
„Viele der Leute in meinen Songs sind keine wirklichen Menschen. Ich denke beim Schreiben an etwas Höheres, an mein spirituelles Zuhause.“ Und das tut Chrissie Hynde nun auch. Nach Hause gehen. Alleine. 

Tracklisting:
 
CD:
1. Alone
2. Roadie Man
3. Gotta Wait
4. Never Be Together
5. Let’s Get Lost
6. Chord Lord
7. Blue Eyed Sky
8. The Man You Are
9. One More Day
10. I Hate Myself
11. Death Is Not Enough
12. Holy Commotion (BONUS TRACK)
 
LP:
01. Alone
02. Roadie Man
03. Gotta Wait
04. Never Be Together
05. Let’s Get Lost
06. Chord Lord
07. Blue Eyed Sky
08. The Man You Are
09. One More Day
10. I Hate Myself
11. Death Is Not Enough
(with Holy Commotion included as bonus track with ALBUM download card) 
 
©BMGRights2016